Alternativen angesichts neoliberaler Globalisierung – 2

Ansätze aus der Zivilgesellschaft in Afrika

Pressebericht über die Diskussionsveranstaltung mit Dr. Boniface Mabanza am 03.02.2017 in Traunstein

Im Pfarrsaal Heiligkreuz begrüßte Dr. Renate Schunck von der Friedensinitiative im Namen der Veranstalter (FiTTT, Attac, Pfarrseelsorge Heiligkreuz und Weltladen Trostberg) ca. 80 interessierte Besucher. Dr. Ioannis Charalampakis betonte in einer kurzen Einführung, dass es dringender denn je ist, über eine alternative Gesellschaftsordnung zu diskutieren. Er begründete dies mit den Folgen der neoliberalen Globalisierung: Das Wachsen der Kluft zwischen Arm und Reich, die Konzentration der ökonomischen und politischen Macht und die fortschreitende Umweltzerstörung. Anschließend stellte er den Referenten Dr. Boniface Mabanza vor, der in der kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg arbeitet, aus der Dem. Republik Kongo stammt, dort Literatur, Philosophie und Theologie studierte und in Deutschland promoviert hat.

Mabanza
Dr. Boniface Mabanza

Der Referent berichtete zunächst über die verheerenden Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung der letzten 30 Jahre auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Länder im südlichen Afrika. Die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank diktierten „Strukturanpassungsprogramme“ im Gegenzug für Darlehen und Kredite bedeuteten Deregulierung, Privatisierung und sog. Liberalisierung der Wirtschaft. Das Ergebnis: „Die Regierungen Afrikas haben unter dem Druck der Schulden ihre Bodenschätze, die Bergbauindustrie und Infrastruktur an die Konzerne verkauft und sie eingeladen, völlig steuerbefreit zu investieren (tax holyday, Steuerurlaub). Dagegen wurde die für die Bevölkerung lebenswichtige Produktion von Nahrungsmitteln wie Getreide, Gemüse, Obst, und Fleisch zugunsten der Erzeugung von exportierbarem Kaffee, Tee, Kakao oder Blumen vernachlässigt“, erklärte Dr. Mabanza. Lebensmittel wie z.B. Hühnerfleisch oder Tomatenmark würden infolge der Freihandelsabkommen von den billiger produzierenden EU-Ländern importiert und damit die Bauern, aber auch in einigen Ländern die Fischer ruiniert. „Wer solchen neoliberalen Handel betreibt, muss wissen, dass er Fluchtursachen produziert“.
Aber auch Arbeitsplätze in der Industrie wurden zerstört. Deindustrialisierung, Reduzierung der Staatsausgaben für soziale Aufgaben wie Bildung- und Gesundheitswesen und anwachsende Schuldenspirale haben nach Dr. Mabanza die afrikanischen Länder in den Ruin getrieben und zum Verlust ihrer Souveränität geführt. „Heute gehört ein Drittel der Fläche Kongos, das ist das an Bodenschätzen reichste Land Afrikas, bereits globalen Konzernen. Und was viele nicht wissen: Inzwischen fließt mehr Kapital aus Afrika in die EU, USA und China, als durch „Finanzspritzen“ und Entwicklungshilfe umgekehrt in afrikanische Länder“.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen berichtete der Referent über den wachsenden Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung, grenzte sich aber von den hektischen Reaktionen rechter Populisten ab. „In Afrika leisten die Menschen Widerstand auf der Makroebene und auf der Mikroebene, anstatt auf die große Lösung zu warten“.
So ist aus der Arbeiterbewegung im Südlichen Afrika die Initiative „Alternatives to Neo-Liberalism in Southern Africa“ ANSA entstanden, die für eine eigenständige, von unten gesteuerte Entwicklung arbeitet. Das heißt, dass Produktion zuerst die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung abdecken muss und zunächst die Entwicklung der landwirtschaftlichen Lebensgrundlagen fördert. Danach kann Schutz und Aufbau von eigenen Industrien sowie Bergbau und Verarbeitung der eigenen Rohstoffe angestrebt werden. ANSA fordert deshalb, dass sich Afrika der gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaftsordnung entzieht und neue Allianzen bildet (z.B. die afrikanische Länder unter sich), um eine neue alternative Ordnung zu schaffen. Dass dies möglich ist, zeige die neue „Bank des Südens“ als Alternative zur Weltbank. ANSA wird deshalb als radikale alternative Denkschule seit Jahren bekämpft und derzeit von außerhalb Afrikas nur noch von der Rosa Luxemburg-Stiftung finanziell unterstützt.

Im Senegal gibt auf der Mikroebene eindrucksvolle Beispiele für autonome Selbstorganisation: in 12 ökonomisch autarken Dörfern haben sich die Menschen von den neoliberalen Zwängen befreit. In dem Dorf Ngor mit 1600 Bewohnern gelten schon seit der Kolonialzeit nur die selbst demokratisch bestimmte Regeln: Der Staat Senegal hat nur eine Person als Beobachter am Ort. Wichtige Entscheidungen trifft ein demokratisch gewählter Ältestenrat. Frauen entscheiden in der Gerichtsbarkeit und bei der Finanzverwaltung, über die Verteilung der erwirtschafteten Überschüsse in einen Fond zur Krankenversorgung und Hilfen für Bedürftige und vieles mehr. Der Grundsatz aller Erziehung lautet: Wie kannst du dich in die Gemeinschaft einbringen? Das Beispiel hat Schule gemacht und nimmt Einfluss auf die Politik des Landes: Senegal wird auf Druck der Bevölkerung die ausbeuterischen Fischfangabkommen mit der EU nach dem Auslaufen nicht mehr verlängern.

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Die Küste des Dorfes Ngor in Senegal
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Der Friedhof von Ngor. Jeder weiss, wo sein Angehörige beigesetzt ist. Auf Grabsteine, die je nach Geldbeutel eine unterschiedliche Gestaltung hätten, wird bewusst verzichtet. So wir die Botschaft vermittelt: „spätestens da sind wir alle gleich“.

In der angeregten Diskussion wurde unter anderen die Frage gestellt, wie es den Menschen in Ngor gelingt, den Versuchungen der Konsumgesellschaft zu widerstehen. Der Referent Antwortete, dass die Menschen dort einen viel größeren Wert auf ein selbstbestimmtes Leben in eine gut funktionierende Gemeinschaft legen. Eine andere Frage lautete: „warum lässt der Staat Senegal eine große Autonomie diesen Dörfern zu?“. Dies geschehe, weil die Regierung erkannte, dass dieses Modell eine Zukunftsperspektive für die Bevölkerung biete. Von vielen Teilnehmern wurde gefragt, was wir tun können, um die Zerstörung der humanen Lebensbedingungen durch das kapitalistische System aufzuhalten. Jeder könne sich einbringen um auch im Kleinen Widerstand zu leisten und alternative Ideen zu verbreiten. „Wir als Gemeinschaft können definieren, wie wir leben wollen und den Herrschenden die Stirn bieten“, war ein Fazit des Referenten.
Dr. Mabanzas Schlusswort: „Ich bin Optimist, Geschichte verläuft nicht immer so, wie die Großen das wollen“.

 

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